Verloren in der Übersetzung: Warum Sprache der heimliche Endgegner in Mathe ist

Kennst du das? Ein Schüler versteht ein mathematisches Konzept eigentlich sofort, scheitert dann aber kläglich an einer Textaufgabe. Oder er weiß genau, wie er gerechnet hat, bekommt aber keinen geraden Satz heraus, um es zu erklären. Wir denken oft, Mathe sei eine universelle Sprache aus Zahlen. Die Wahrheit ist: Ohne eine solide Bildungssprache bleibt die Mathematik für viele Schüler hinter einer verschlossenen Tür.

Die Hürde zwischen Alltag und Fachbegriff

Das Problem beginnt dort, wo Wörter im Alltag etwas anderes bedeuten als in der Mathematik. Ein „Körper“ ist in der Bio etwas anderes als in der Geometrie, und ein „Exponent“ klingt für viele eher nach einer Kunstausstellung.

Die Expertin Barbara Schmidt-Thieme macht deutlich, dass wir den Erwerb der Fachsprache nicht dem Zufall überlassen dürfen. Es geht um die Verknüpfung verschiedener Ebenen:

„Der Mathematikunterricht muss Lernende dabei unterstützen, von der Alltagssprache zur Fachsprache überzugehen, ohne die Verbindung zum inhaltlichen Verständnis zu verlieren“ (Schmidt-Thieme, 2015, S. 495).

Sprachsensibler Unterricht: Mehr als nur Vokabeln pauken

Es reicht nicht, eine Liste mit Fachbegriffen an die Tafel zu schreiben. Schüler müssen lernen, wie man mathematische Zusammenhänge strukturiert ausdrückt. Sprache ist hier kein Beiwerk, sondern das Werkzeug, mit dem das Denken erst geordnet wird.

Josef Leisen, ein Pionier des sprachsensiblen Fachunterrichts, betont, dass wir den Schülern „Geländer“ anbieten müssen. Im fachdidaktischen Kontext wird dies so beschrieben:

„Sprachliches Lernen im Mathematikunterricht erfordert das Bereitstellen von Scaffolding-Maßnahmen, die den Schülern helfen, ihre Gedanken fachgerecht zu formulieren und komplexe Begründungen aufzubauen“ (Schmidt-Thieme, 2015, S. 502).

3 Tipps, wie du die Sprachbarriere in deinem Unterricht senkst

Wie wirst du zum Sprachvorbild, ohne den Mathefokus zu verlieren?

  1. Wortspeicher und Satzanfänge: Hänge Plakate auf, die nicht nur Begriffe (wie „Quotient“), sondern auch Satzbausteine enthalten: „Wenn ich den Nenner vergrößere, dann …“, „Daraus lässt sich schließen, dass …“. Das nimmt die Angst vor dem Formulieren.
  2. Das „Drei-Ebenen-Modell“: Lass Schüler einen Sachverhalt erst in ihrer eigenen Alltagssprache erklären, dann in einer Zeichnung darstellen und erst ganz am Ende in die formale Fach- und Symbolsprache übersetzen. So wird der Inhalt nicht von der Form erschlagen.
  3. Bewusstes Umformulieren: Wenn ein Schüler sagt: „Das da oben wird mehr“, spiegele es fachsprachlich zurück: „Genau, wenn der Zähler größer wird, steigt der Wert des Bruches.“ So lernen sie die Fachsprache quasi „nebenbei“ durch Zuhören.

Fazit: Wer spricht, der denkt

Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe. Wenn wir unseren Schülern helfen, die Sprachbarrieren in Mathe zu überwinden, geben wir ihnen die Mittel an die Hand, ihre Gedanken zu ordnen und ihre Ergebnisse selbstbewusst zu präsentieren. Matheunterricht ist eben immer auch ein bisschen Sprachunterricht.


Quellen:

  • Schmidt-Thieme, B. (2015). Sprache und Kommunikation. In R. Bruder et al. (Hrsg.), Handbuch der Mathematikdidaktik (S. 489–512). Springer Spektrum.
  • Neubrand, M. (2015). Bildungstheoretische Grundlagen des Mathematikunterrichts. In R. Bruder et al. (Hrsg.), Handbuch der Mathematikdidaktik (S. 51–73). Springer Spektrum.

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